Jordan Peeles Us entführt eine Familie in einen Urlaub, der zum Kampf gegen ihre eigenen Doppelgänger wird. Der Film mischt Horror, Gesellschaftskritik und surreale Symbolik zu einem Werk, das unter die Haut geht – auch wenn nicht alles perfekt funktioniert.
Handlung kurz erklärt
Adelaide (Lupita Nyong’o) kehrt mit ihrer Familie – Ehemann Gabe (Winston Duke) und Kindern Zora und Jason – an den kalifornischen Küstenort ihrer Kindheit zurück. Dort erlebte sie ein Trauma: Als Kind traf sie in einem Spiegelkabinett auf ihr exaktes Ebenbild. Jahre später stehen plötzlich vier rot gekleidete Doppelgänger der Familie in der Einfahrt ihres Ferienhauses. Sie greifen an, zwingen die Wilsons zur Flucht und offenbaren dabei eine schockierende Wahrheit: Jeder Mensch hat einen „Schatten“ – ein unterirdisches Duplikat, das nun die Oberfläche erobern will.
Was den Film besonders macht
- Lupita Nyong’os Doppelrolle als Kraftzentrum:
Als ängstliche Mutter Adelaide und deren kratzige, befremdliche Doppelgängerin „Red“ liefert Nyong’o eine schauspielerische Meisterleistung. Ihre Körpersprache – Reds verkrampfte Bewegungen, Adelaides erstarrte Panik – macht die Figuren unvergesslich.
- Horror als Gesellschaftsbild:
Die Doppelgänger symbolisieren Amerikas verdrängte Abgründe: soziale Ungerechtigkeit, historische Schuld und die Angst vor dem „Anderen“ in uns selbst. Die berühmte „Hands Across America“-Kampagne von 1986 wird hier zu einer makabren Kettenrechnung der Rache.
- Bilder, die bleiben:
- Kaninchen in Käfigen: Hunderte weiße Hasen in unterirdischen Laboren – Symbole für Experimente und gefangene Identitäten.
- Rote Overalls und goldene Scheren: Die Uniform der Doppelgänger wirkt wie eine blutige Parodie auf Arbeiterklasse und Protest.
- Der letzte Blick: Ein Zoom auf Jasons Gesicht, der ahnt, dass seine Mutter nicht die ist, die sie vorgibt zu sein.
- Sound als Waffe:
Michael Abels’ Score kombiert Kinderreime mit verstörenden Chorälen. Szenen wie der Kampf zu Luniz‘ „I Got 5 on It“ oder Reds erzählte Märchen über „Schatten“ schaffen eine beklemmende Dissonanz zwischen Vertrautem und Unheimlichem.
Schwächen
- Logiklücken im Mythos:
Die Herkunft der Doppelgänger bleibt vage. Wer schuf sie? Wie überlebten sie Jahrzehnte ohne Ressourcen? Solche Fragen bleiben unbeantwortet.
- Tonale Sprünge:
Komische Momente (Gabes gescheiterter „Beschützer“-Aktionismus) kollidieren mit brutaler Gewalt. Die Balance zwischen Satire und Horror schwankt.
- Überfrachtetes Finale:
Reds Monolog im Tunnel erklärt zu viel auf einmal – und wirkt wie ein Notbehelf für die komplexe Prämisse. Der Twist (Adelaide ist eigentlich der Doppelgänger) ist genial, wird aber kaum nachbereitet.
Fazit
Us ist wie ein Albtraum, der noch lange nach dem Aufwachen nachhallt. Jordan Peele beweist erneut, dass Horror mehr kann als jump scares: Seine Bilder – eine Familie, die gegen sich selbst kämpft; eine Nation, die sich die Hand reicht, um sich zu zerreißen – sind voller Wucht und Widersprüche. Trotz narriver Ungereimtheiten bleibt der Film ein fesselndes Experiment: eine Reise in den Abgrund, der nicht unter uns, sondern in uns lauert. Wer nach linearen Erklärungen sucht, wird enttäuscht. Wer sich auf rätselhafte Symbole und unbequeme Fragen einlässt, findet einen der mutigsten Horrorfilme der letzten Jahre.