Prisoners taucht ein in den Albtraum zweier Familien, deren Töchter spurlos verschwinden. Regisseur Denis Villeneuve erschafft einen psychologischen Thriller, der die Grenzen zwischen Rache und Gerechtigkeit verwischt – und dabei mit beklemmender Atmosphäre und starken Schauspielleistungen überzeugt.
Handlung kurz erklärt
An Thanksgiving verschwinden die sechsjährigen Töchter der Familien Dover und Birch. Der einzige Hinweis: ein heruntergekommener Wohnwagen in ihrer Nachbarschaft. Detective Loki (Jake Gyllenhaal) nimmt den geistig eingeschränkten Alex Jones (Paul Dano) fest, muss ihn aber mangels Beweisen freilassen. Keller Dover (Hugh Jackman), Annas Vater, zweifelt an der Unschuld des Mannes. Er entführt Alex und foltert ihn in einem verlassenen Gebäude, um den Aufenthaltsort der Mädchen zu erfahren. Parallel jagt Loki weiteren Spuren – von rätselhaften Symbolen bis zu einem Leichenfund bei einem Priester. Die verzweifelte Suche führt in ein Netz aus Lügen, alten Verbrechen und religiösem Fanatismus.
Was den Film besonders macht
- Atmosphärische Dichte:
Die düsteren Bilder von Kameramann Roger Deakins lassen Regen, Schnee und verlassene Industriebauten zu Symbolen der Hoffnungslosigkeit werden. Jede Einstellung wirkt wie ein Gemälde aus Schatten – besonders in Szenen nächtlicher Verfolgungen oder in Kellers fensterlosen Folterräumen.
- Schauspielerische Intensität:
- Hugh Jackman zeigt Keller als zerrissenen Vater: Einerseits ein fürsorglicher Familienmensch, andererseits ein gnadenloser Rächer. Seine Wutausbrüche (etwa das Zertrümmern eines Waschbeckens) wirken ebenso roh wie verletzlich.
- Jake Gyllenhaals Detective Loki verkörpert subtile Nervosität: Tätowierte Knöchel, ein nervöses Augenblinzeln und knappe Dialoge lassen seine innere Anspannung spürbar werden.
- Paul Dano spielt Alex mit beklemmender Ambivalenz: Ist er Opfer, Täter oder beides? Seine geflüsterten Sätze („Sie haben erst geweint, als ich ging“) bleiben lange rätselhaft.
- Moralische Komplexität:
Der Film stellt unbequeme Fragen: Darf ein Vater zum Folterer werden, wenn er sein Kind retten will? Ist Gewalt gerechtfertigt, wenn die Zeit davonläuft? Diese Dilemmata werden nicht plakativ beantwortet – sie entfalten sich in Handlungen und Schweigen.
- Symbolische Tiefe:
Wiederkehrende Motive wie Labyrinthe (als Spielzeug, Zeichnung oder Tattoo) spiegeln die verworrene Suche nach Wahrheit. Auch der Film selbst gleicht einem Irrgarten: Jede Wendung führt tiefer in die Abgründe menschlicher Entscheidungen.
Schwächen
- Länge und Tempo:
Mit 153 Minuten verlangt der Film Geduld. Vor allem im Mittelteil ziehen sich Dialoge, während Nebenhandlungen (etwa die Drogenabhängigkeit von Kellers Frau) unvollendet bleiben.
- Unterentwickelte Nebenfiguren:
Die Eltern der zweiten Tochter (Viola Davis und Terrence Howard) bleiben blass. Ihre Verzweiflung wird gezeigt, aber nicht erkundet – sie dienen oft als moralisches Echo zu Jackmans Radikalität.
- Vorhersehbare Wendungen:
Die Enthüllung der wahren Täterin wirkt konstruiert. Ihr Motiv („Krieg gegen Gott“ als Rache für den Krebstod des Sohnes) wird nur angerissen und wirkt wie ein spätes Drehbuch-Detail.
Fazit
Prisoners ist ein Thriller, der unter die Haut geht – nicht durch Actionspektakel, sondern durch emotionale Wucht. Villeneuve inszeniert eine Welt, in der jedes moralische Fundament bröckelt: Eltern werden zu Monstern, Opfer zu Mittätern, und Rettung kommt oft zu spät. Die herausragenden Darsteller und die bedrückende Bildsprache machen den Film trotz Längen und narrativen Schwächen zu einem packenden Kinoerlebnis. Ein Film, der nachwirkt wie ein Albtraum – und die Frage stellt, wie weit wir in solch einem Labyrinth gehen würden.