Midsommar (2019) – Ein strahlend heller Albtraum | Metascore 72

Ari Asters zweiter Film nach Hereditary entführt in eine schwedische Mittsommernacht, die sich vom idyllischen Fest in einen psychedelischen Horrortrip verwandelt. Mit grellen Bildern, hypnotischen Ritualen und einer zentralen Performance von Florence Pugh wird Midsommar zum visuell verstörenden Kinoerlebnis – ganz ohne Dunkelheit.

Handlung kurz erklärt

Die traumatisierte Dani (Florence Pugh) verliert ihre Familie durch eine schockierende Tragödie. Ihr emotional distanzierter Freund Christian (Jack Reynor) lädt sie widerwillig zu einer Reise nach Schweden ein: Seine Kommilitonen erforschen dort einen abgeschiedenen Kult, der alle 90 Jahre ein Mittsommerfest feiert. In der sonnenüberfluteten Kommune Hårga wirken die weiß gekleideten Bewohner zunächst friedlich – Blumenkränze, Gruppentänze und psychedelische Teezeremonien prägen das Bild. Doch bald offenbaren sich blutige Rituale. Als Dani und ihre Freunde versuchen zu fliehen, geraten sie in einen Strudel aus Manipulation, Opferkulten und kollektivem Wahnsinn.

Was den Film besonders macht

  1. Ästhetik der Verstörung:
    Der Film spielt fast vollständig im gleißenden Tageslicht – eine Seltenheit im Horrorgenre. Die idyllischen Bilder (blühende Wiesen, pastellfarbene Trachten) kontrastieren brutal mit expliziten Gewaltszenen. Diese Kluft zwischen Schönheit und Grauen erzeugt ein einzigartiges Unbehagen.
  2. Florence Pughs kraftvolle Performance:
    Als Dani durchlebt Pugh eine extreme Wandlung: von der verletzlichen Trauernden zur „Maikönigin“ des Kults. Ihr Lachen, Weinen und Schreien wirkt so authentisch, dass man jede Emotion physisch spürt – besonders im Finale, wo sie in einem Blumenkostüm zum Symbol der Befreiung wird.
  3. Rituale als psychologische Fallen:
    Der Kult nutzt halluzinogene Drogen, gemeinsames Heulen und scheinbar „spielerische“ Wettkämpfe, um die Außenseiter zu isolieren. Die Grenze zwischen Teilnahme und Manipulation verschwimmt – besonders für Dani, die in der Gemeinschaft erstmals „Halt“ erfährt.
  4. Sounddesign als Droge:
    Summende Insekten, schrillende Flöten und verstörende Chorgesänge wirken wie ein akustischer Drogentrip. Der Soundtrack verstärkt die Desorientierung – selbst alltägliche Geräusche (z. B. ein tropfender Wasserhahn) werden beunruhigend.

Schwächen

  • Lange Laufzeit (148 Min.):
    Besonders im Mittelteil zieht sich die Handlung. Szenen wie ein minutenlanger Ritualtanz oder repetitive Dialoge testen die Geduld.
  • Klischeehafte Nebenfiguren:
    Christians Freunde wirken wie Statisten: Der sexbesessene Mark (Will Poulter) und der rational argumentierende Josh (William Jackson Harper) bleiben unterentwickelt. Ihre Schicksale sind vorhersehbar.
  • Logik? Nebensächlich:
    Warum akzeptieren die Besucher die ersten Morde so passiv? Wieso funktioniert kein Handy? Der Film opfert Plausibilität zugunsten von Symbolik und Stimmung.

Fazit

Midsommar ist kein traditioneller Horrorfilm, sondern ein beklemmendes Psychodrama über Trauer und toxische Beziehungen – verpackt in heidnische Folklore. Ari Aster bricht genre-typische Regeln: Statt Dunkelheit und Jump-Scares setzt er auf helle Bilder, langsame Spannung und emotionale Verwundbarkeit. Das Ergebnis polarisiert: Manche finden es tiefgründig, andere langatmig. Eins ist sicher: Wer The Wicker Man mochte oder Hereditary schätzte, wird hier fasziniert wie abgestoßen zugleich sein. Ein Film, der unter die Haut kriecht – selbst bei strahlender Sonne.